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Kirchenbrand im Dezember 1983

Vor 25 Jahren weinte Bad Orb: Verheerender Brand in der Pfarrkirche St. Martin

Von Elsbeth Ziegler

Bad Orb. Wie ein Schleier lag die Trauer über Bad Orb, als der Weihnachtsmorgen 1983 dämmerte - und St. Martin in Schutt und Asche lag. Vielen war es, als wäre ein guter Freund gestorben. Weinend blickten vom Schulhof der Martinus-Schule auf die rauchende Ruine. Erstarrtes Schweigen lag über der Stadt. Mutmaßungen wurden nur leise ausgetauscht. Gerüchte kochten hoch und erstarben wieder.
Das Gelnhäuser Tageblatt titelte nach den Feiertagen "Ein Stück Orb in Schutt und Asche."

 

Bis heute liegt die Brandursache im Dunkeln. Unwiederbringlich verlor Bad Orb bei dem Inferno unschätzbar wertvolle Kunstwerke, wie den berühmten "Orber Altar".
Verstört blickte auch der Domkapitular Prälat Rudolf Hofmann, damals Pfarrer von Bad Orb, auf das Skelett des noch am Abend zuvor in seinem Weihnachtsschmuck besonders strahlenden über 600 Jahre alten Gotteshauses, das Kriege und Jahrhunderte unbeschadet überstanden hatte und dessen Renovierung und Erweiterung erst wenige Jahre zuvor gefeiert wurde.
Allein der Gebäudeschaden betrug über 10 Millionen Mark (5 Millionen Euro). Noch bewegt vom Unfassbaren waren Hofmanns Gedanken dennoch: "Wir bauen St. Martin wieder auf."

 

Im Anschluss an die feierliche Christmette in der Heiligen Nacht 1983 war er noch bis nach ein Uhr in der Pfarrkirche und verließ sie zusammen mit dem Küster. Als wäre es gestern gewesen, erinnert er sich: "Wir haben im Pfarrhaus noch etwas zusammen gesessen, bevor wir zu Bett gegangen sind. Mitten im Tiefschlaf wurden wir (Kaplan Hünnekens und ich) informiert. Da stand die Kirche bereits in Flammen.

Die Männer haben mit vollen Rohren draufgehalten; aber kein Tropfen kam zum Löschen, weil alles so aufgeheizt war, dass das hochgepumpte Wasser sofort verdampfte. Auch der innere Angriff mit schwerem Atemschutzgerät war zum Scheitern verurteilt. Wie eine Feuerwalze schoss der Brand durch das Gebäude. Im Nu war das Schiff weg, und die Flammen kletterten immer noch hoch."

 

Im ersten Augenblick sei ihm der Gedanke, wie der Brand entstanden ist, überhaupt nicht gekommen. "Das war völlig uninteressant für mich. Als ich später von Polizei und Kripo gefragt wurde, konnte ich auch keine Antwort darauf geben." Wenn es keine technische Ursache war, sondern eine bewusst herbeigeführte Brandstiftung, dann sei es ihm lieber, dass der Täter nicht gefunden wurde. "Gottseidank ist das bis heute nicht herausgekommen; denn so haben wir "nur" die Kirche verloren; aber nicht die Menschen. Der Schmerz wäre ein ganz anderer gewesen."
Schmerz und Tränen hätten die Menschen über alle Konfessions- und Nationengrenzen hinweg zusammengeschmiedet: "Wir waren eine Familie, die zusammen geweint und unter Tränen den Wiederaufbau beschlossen hat." Tränen standen auch dem evangelischen Pfarrer Dieter Bromm in den Augen, als er vor der Ruine verharrte.

Bürgermeister Robert Bauer (+ 1990) äußerte im Angesicht der Brandkatastrophe zum "Bad Orber Anzeiger" (damaliger Redakteur: Ralf Baumgarten (heute: "Bad Orber Blättche")): "Dies ist einer der schwärzesten Tage in der Bad Orber Geschichte und der schlimmste Tag in meiner Laufbahn als Bürgermeister. Hier hilflos mit ansehen zu müssen, wie die wertvollen kirchenhistorischen Kostbarkeiten verbrannten, ist nicht zu beschreiben."

Eigentümlicherweise wurde in der Brandnacht auch in den Martins-Kindergarten eingebrochen und es gab Sachbeschädigungen in der Innenstadt. Noch bis gegen 4 Uhr war Betrieb im nahegelegenen Jugendzentrum in der Burg. Gegen 5.20 Uhr wachten Marion und Berhold Bauer vom "Schiffershof", dem Nachbargebäude der Kirche, auf, weil ihr Hund sich merkwürdig benahm.

 

Berthold Bauer, heute 1. Stadtrat in Bad Orb, weiß noch genau: "Wir waren spät zu Bett gegangen und hatten noch das "Stille Nacht" von der Christmette gehört. Als der Hund dann unruhig wurde und sein Halsband klirrte, schaute ich auf und sah kurz einen roten Schein aus Richtung Kirche. Und dann machte es schon "ping ping" von den Scheiben her. Während meine Frau den Notruf wählte, fuhr ich zur Polizeistation." Dort machte er sich lautstark bemerkbar, während sich Marion Bauer mitsamt Hund zum Pfarrhaus aufmachte. "Die Feuerwehr war sehr schnell da. Kaplan Wolfgang Hünnekens schloss die Türen auf." Glutbrocken flogen bis zum Marktplatz, sodass die Bauers auch Angst um den "Schiffershof" haben mussten.

 

Auch der Bad Orber Karl Rieger erinnert sich noch genau an die Brandnacht. Von Nachbarn hatte er erfahren, dass St. Martin in Flammen stehe. Von seinem Haus aus konnte er dann Brand dann auch schon sehen. "Es war wie ein Schlag vor den Kopf", so der Chronist der Männergemeinschaft. "Ich sehe alles noch vor mir. Es sind Eindrücke, die nicht verblassen und verjähren."


Eduard Rieger, damals THW-Ortsbeauftragter, wurde durch das Ausrücken der Feuerwehr aufmerksam. Eilig zog er sich an und fuhr zur Brandstelle. "Als von der Feuerwehr die Bitte: "Hol deine Leute, wir brauchen euch", kam, habe ich die THW-Helfer alarmiert. Wer konnte, kam." Mehrere Tage war das THW im Einsatz. Der Einsatzgedanke stand erst einmal im Vordergrund, erinnerte sich Rieger. Überlegungen zur Brandursache waren nebensächlich.
Weihbischof Johannes Kapp, früherer Pfarrer von Bad Orb, bangte um den Tabernakel. Das THW konnte ihn aus seiner verkohlten Holzeinfassung befreien. Das Innere war unversehrt geblieben.


Schon am Folgetag des Brandes begannen die Sicherungs- und Aufräumarbeiten. Günter Lauer war Stadtbrandinspektor, als die Pfarrkirche in Flammen stand. Als Berufsfeuerwehrmann und ehrenamtlicher Brandschützer war er an Alarme gewöhnt und reagierte wie üblich, als der Funkalarmempfänger die Brandmeldung der Leitstelle anzeigte. Rein in die Arbeitskleidung und ab zur Stützpunktfeuerwache. Wenige Minuten nach Alarmierung waren die ersten Fahrzeuge unterwegs. Fast zeitgleich mit Kaplan Hünnekens traf Lauer an der Kirche ein. Feuerschein drang durch die Fenster. Der Geistliche schloss die Tür zur Sakristei auf. "Von hier aus sah man den Hochaltar und die Christbäume daneben brennen." Während die Mannschaft den Löschangriff aufbaute, um Wasser aus der Hochdruckleitung und dem Orbbach am Untertor zu pumpen, sorgte Lauer dafür, dass die Nachbarwehren alarmiert wurden. "Zugute kam uns der Umstand, dass wir kurz zuvor mit den Wehren aus Wirtheim, Wächtersbach, Oberndorf und Aufenau eine realistische Übung an der Burg direkt neben der Kirche durchgeführt hatten."


Die stellvertretenden Stadtbrandinspektoren Thomas Angelstein und Erwin Huth sorgten dafür, dass alle, die an der Übung teilgenommen hatten, ihren damaligen Platz wieder einnahmen. Die Feuerwehr, auch unterstützt von Feuerwehren aus Bad Soden-Salmünster versuchte zunächst, die am Altar auflodernden Flammen mittels Innenangriff über die Sakristei einzudämmen.

Das blitzschnell auf das gesamte Kirchenschiff übergreifende Feuer erzwang jedoch den Abbruch. Auch die von Westen eingeleiteten Löschversuche scheiterten, weil sich das Inferno in Windeseile ausbreitete. "Eine Bekämpfung des Großbrandes war nur noch von außen möglich."

 

Die Bleiverglasung der Fenster war längst geschmolzen. Die mit schwerem Atemschutz in C-Rohren im Gebäude befindlichen Männer konnten im letzten Augenblick herausgezogen werden: "Dann stürzte die Decke ein."

Nach rund drei Stunden war es den rund 130 Feuerwehrleuten und THW-Helfen gelungen, das Feuer unter Kontrolle zu bringen. Um Burg und Zehntscheune zu retten, musste das aufgeheizte Dach des Areals ständig mit B- und C-Rohren besprüht werden.

Glücklicherweise konnte ein Übergreifen auf die Altstadt verhindert werden. "Ein warmer Wind aus Richtung Molkenberg blies Glutbrocken bis auf den Marktplatz." Der lichterloh brennende Dachstuhl und die emporschießenden Flammenbündel setzten dann noch die Holzkonstruktion des Turmes in Brand.

 

Weitere traurige Bilanz der Nacht: Sieben verletzte Feuerwehrleute. Noch heute sieht Lauer die entsetzten Gesichter der wie unter Schock stehenden Bad Orber. Viele hatten von dem Brand nichts mitbekommen. Und als die Glocken zur Messezeit läuteten, wollten sie zum Gottesdienst, wie die Familie der GT-Mitarbeiterin Elsbeth Ziegler, die in der hinteren Haselstraße die Brandnacht verschlafen hatte. Gottfried Schreiber, damals technischer Mitarbeiter der Stadt Bad Orb wurde von einer Nachbarin informiert: "Die Kirch' brennt." Und sah auch schon den Lichtschein. Als er zum Brandort kam, war die Feuerwehr schon da. "Es war unfassbar", erinnert er sich an den schrecklichen Anblick. Dann hat er beherzt mitgeholfen und auch Absperrmaterial besorgt. Edmund Acker vom Verlag "Orbensien" wurde von seiner Mutter benachrichtigt. Als er zur Kirche kam, stand sie hell in Flammen. Er wollte die Feuerwehr noch auf das wertvolle Orber Altarbild aufmerksam machen, um es möglicherweise zu retten. "Doch da war es nur noch die rohe Backsteinwand."Dann ging er an seinen Schreibtisch in der Kurverwaltung und informierte den Chef vom Dienst beim "hr".

"Helga, schau mal. Da ist was los", wurde die Stadtarchivarin Helga Koch von ihrer Schwester Marga geweckt. Aus dem Fenster schauend sahen sie den Feuerschein. "Zuvor waren wir noch in der Christmette. Den Umfang des Brandes haben wir nicht gleich realisiert."

Erst am Morgen vor den Trümmern wurde ihr das Ausmaß der Feuersbrunst klar. Dieter Strauß, damals im Pfarrgemeinderat, wurde von Karl Junk verständigt: "Die Kirch' brennt." Der Weg zum Brandort war kurz. Der Schock riesengroß. Während er, der zuvor ein Jahr die Küsterdienste unterstützt hatte, fassungslos vor dem wunderschönen Marienfenster stand, barsten die Scheiben, flogen Ziegel durch die Luft und fegte ein Flammenmeer durchs Kirchenschiff.

 

Marie-Luise und Dieter Strauß haben übrigens beim Neujahrskonzert des Musikvereins die erste Spendenaktion für den Wiederaufbau organisiert.

Museumsleiter Robert Eckert wurde von Kurdirektor Paul Bösker in Kenntnis gesetzt. "Ich konnte nicht glauben, dass die ganze Kirche abgebrannt sein sollte." Als ihm die Dimension klar wurde, dachte er nur: "Schlimmer konnt's nicht sein. Obwohl keine Sirene den Brand angezeigt hatte, standen die Menschen erschüttert und stumm vor Entsetzen auf dem Schulhof. Jedem fehlten die Worte."

Für Eckert war auch der Verlust des barocken "Schönborn"-Altars besonders schmerzhaft. Schließlich war dieser bis zur Renovierung vier Jahre vor dem Brand ein Schmuckstück des Museums. Intensiv hat sich Eckert auch in den Wiederaufbau eingebracht. Knapp zwei Jahre nach dem Brand wurde St. Martin am 15. Dezember 1985 wieder eingeweiht.

 

Dass es so schnell ging, dafür haben Unzählige selbstlos mitgeholfen. Ob mit Arbeitsstunden, Aktionen oder Spenden. 2 Millionen Mark kamen zusammen.

Bad Orb war wie aus einem Guss.

 

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